Von Universitäten und Enzyklopädien

Der Rektor der Universität Zürich möchte die Uni öffnen für alle – auch für Leute ohne Matura. Das sorgt für Aufsehen und die Zeitung spricht im Titel gar von einer “Bildungsrevolution”. Warum diese Aufregung?

Flucht nach vorne

Grosse Institutionen mit langer Tradition sind träge. Sie sitzen in Machtpositionen und bewegen sich normalerweise nur, wenn ihre Position bedroht ist. Eine “Bildungsrevolution” an der grössten Uni der Schweiz wird nicht aus reiner Innovationslust angestossen. Wohl eher weiss der Rektor die Zeichen der Zeit zu deuten und versteht, dass ohne Wandel die Uni in Bedrängnis kommen könnte.

Deshalb tönt es nach einer Flucht nach vorne. Immerhin besser, als stehen zu bleiben. Die Umstellungsideen sind beachtlich.

Offen für alle

Michael Schaepman, der Rektor der Uni Zürich sagt im Interview:

Wir müssen mehr Menschen aus bildungsfernen Schichten motivieren, an die Uni zu kommen. […] Heute fehlt ein Konzept für lebenslanges Lernen, das es Menschen erlaubt, sich individuelle Lehrveranstaltungen anrechnen zu lassen. […] Die Universität würde ein Qualitätszertifikat ausstellen, das besagt, die Person habe die Prüfungen und Arbeiten erfolgreich absolviert.

Er ist überzeugt, dass weitsichtige Unternehmen solche Zertifikate akzeptieren werden.

45-Minuten-Takt ist vorbei

Der Rektor sagt, dass das alte System der Lehre mit 45-Minuten-Lektionen abgeschafft werden soll:

Von der Primarschule, über das Gymnasium bis zur Uni dachte man, alles sei in 45 Minuten vermittelbar. Das ist vorbei.

Coworking und Café anstatt Vorlesungssaal

Auch der Ort, wo gelernt wird, soll offener werden. So möchte die Uni für 500 Millionen Franken ein neues Gebäude bauen mitten in der Stadt Zürich:

Im neuen Gebäude soll es grosse Begegnungszonen geben. Dort würden wir Dienstleistungen und Geschäfte ansiedeln, um die Menschen ins Gebäude zu bringen, nicht nur Studierende, sondern alle, die sich interessieren. […] Unserer Überlegungen gehen in Richtung Co-working Spaces, ein Café, […].

Tönt wie unser Colearning im Effinger Coworking Space und Kaffeebar – nur dass bei uns Lernen fast gratis ist 😉.

Risiko des Wandels

Wenn Stehenbleiben keine Option mehr ist, so muss die Uni den Wandel versuchen. Es gibt aber einige Risiken auf diesem Weg. Zuerst stellt sich die Frage, ob bei all den kritischen Stimmen überhaupt ein wesentlicher Wandel möglich ist oder ob es bei öffentlichkeitswirksamen, jedoch kosmetischen Änderungen bleibt. Dann ist immer noch nicht gesagt, dass der Wandel die erhoffte Wirkung erzielt.

Über die Öffnung der Institution kann man weitere Geldmittel der Steuerzahler rechtfertigen, weil dann – zumindest vordergründig – mehr Leute davon profitieren können.

Doch auch die Öffnung hat ihre Risiken. Eine offene Türe kann man in beide Richtungen durchschreiten, so werden auch Studierende die neue Freiheit geniessen und sich ausserhalb der traditionellen Mauern umsehen. Sie könnten feststellen, dass ein anderer Coworking Space gemütlicher und der Online-Professor aus Übersee kompetenter ist. Wenn dann noch in der Wirtschaft die Uni-Zertifikate an Bedeutung verlieren gegenüber anderen Nachweisen, so wird das Eis immer dünner.

Schicksal der Enzyklopädien

Bei manchen Entwicklungen hilft auch kein noch so mutiger Wandel. Man spricht dann von disruptiven Entwicklungen. Es könnte sein, dass es Universitäten ergeht wie den alten Enzyklopädien. Sie wurden komplett verdrängt durch Wikipedia.

Die Encyclopædia Britannica.
Die Encyclopædia Britannica.

Wikipedia feiert gerade sein 20-jähriges Bestehen. Robert McHenry, der frühere Chefredaktor der Encyclopædia Britannica, wollte noch im Jahr 2005 klarstellen, dass Wikipedia keine zuverlässige Enzyklopädie sei:

Dem gewöhnlichen Benutzer bleiben die inhaltlichen Konflikte und die Unsicherheiten, die unterhalb der Oberfläche eines Wikipedia-Artikels lauern, unsichtbar. Er kommt vielleicht über Google zum Wikipedia-Artikel und sieht, dass dieser Teil von etwas ist, das von sich behauptet, eine ‚Enzyklopädie‘ zu sein. Dieses Wort besitzt eine starke Konnotation zu Verlässlichkeit. Der typische Benutzer weiß nicht, wie konventionelle Enzyklopädien diese Verlässlichkeit erreichen, nur, dass sie es tun.

Sieben Jahre später wird die gedruckte Ausgabe der Encyclopædia Britannica eingestellt. Sie bestand seit 244 Jahren und niemand konnte sich vorstellen, dass sie verschwinden würde. Das Internet hat mit Wikipedia die Vormachtstellung von wenigen Fachleuten aufgelöst und sie mit der Weisheit von ganz vielen Autoren ersetzt.

Das Bildungsmonopol bröckelt

An Universitäten sind Fachexperten, die über der Lehre wachen und Menschen zertifizieren. Auch die Kritiker von Wikipedia meinten, es brauche eine übergeordnete Autorität, um die Glaubwürdigkeit des Wissens zu wahren. Der Bibliothekar Philip Bradley sagte im 2004 in einem Interview gegenüber dem Guardian:

In der Theorie ist [Wikipedia] eine tolle Idee, aber in der Praxis würde ich sie nicht verwenden; ich kenne keinen einzigen Bibliothekar, der dies tun würde. Das Hauptproblem ist das Fehlen einer Autorität. Bei gedruckten Veröffentlichungen müssen die Herausgeber sicherstellen, dass ihre Informationen zuverlässig sind, da ihr Lebensunterhalt davon abhängt. Aber mit so etwas wie diesem hier geht das alles den Bach runter.

Wikipedia hat sich durchgesetzt und es ging nicht alles den Bach runter. Das Wissen von Enzyklopädien wurde zugänglich für alle, der Umfang grösser und wider Erwarten die Qualität besser. Wikipedia ist aktueller, in allen möglichen Sprachen und kann erst noch gratis abgerufen werden.

Universitäten gibt es seit rund 1000 Jahren. Doch die Mauern bröckeln. Mit dem Risiko, ähnlich wie der Bibliothekar oben daneben zu liegen, wage ich eine Aussage:

Wie die gedruckten Enzyklopädien durch Wikipedia verdrängt wurden, könnten innerhalb der nächsten zehn Jahre die Schulen und Universitäten ihr Bildungsmonopol verlieren.

Ob die Welt dadurch besser oder schlechter wird, ist eine andere Frage. Viel hängt davon ab, wie wir das neue Lernen und Forschen gestalten.


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