Schule in der Taylorwanne

Wie sieht Bildung aus, die das Potenzial der Menschen zur Entfaltung bringt, sie fit macht fĂŒr die Gesellschaft, in der wir heute leben und ermutigt, diese aktiv mitzugestalten?

Die Beziehung zwischen Mensch, Bildung und Gesellschaft. Passen sie noch zueinander?
Die Beziehung zwischen Mensch, Bildung und Gesellschaft. Passen sie noch zueinander?

Immer hĂ€ufiger begegne ich Menschen, die eine Spannung zwischen unserem Bildungssystem, den Menschen darin und unserer Gesellschaft wahrnehmen. Solange die Bildung einigermassen zur Gesellschaft oder zur Wirtschaft passt, scheint man das System kaum in Frage zu stellen. Man sieht dann auch gerne ĂŒber negative Effekte auf die Menschen hinweg. Aber wenn das GefĂŒhl stĂ€rker wird, dass irgendwas nicht mehr zu unserer Welt passt, dann schaut man genauer hin und fragt sich, ob es nicht Wege gibt, wo sich Menschen besser entwickeln können.

Eine kleine Geschichte der Schule

Ein Blick zurĂŒck in die letzten 150 Jahre kann uns helfen zu verstehen, wie sich Bildung und Gesellschaft gemeinsam entwickelt und in jĂŒngster Zeit voneinander entfernt haben.

Dazu nutze ich eine Darstellung der Taylorwanne von Gerhard Wohland. Sie zeigt, wie sich die Dynamik in der Wirtschaft verÀndert hat. Daraus lassen sich viele Parallelen ziehen zur Entwicklung der Bildung.

Die Taylorwanne: Die Dynamik in der Wirtschaft nahm zuerst ab, dann wieder zu. Dies hat grossen Einfluss auf die Bildung.
Die Taylorwanne: Die Dynamik in der Wirtschaft nahm zuerst ab, dann wieder zu. Dies hat grossen Einfluss auf die Bildung.

Zeitalter der Manufaktur

Vor 1900, im Zeitalter der Manufaktur, hatte man viele kleine Handwerksbetriebe. Sie bedienten nur einen lokalen Markt, weil die Transportkosten hoch waren und Kommunikation ĂŒber Distanz schwierig war.

Der lokale Markt ist sehr dynamisch: Die KundenwĂŒnsche können sich schnell verĂ€ndern oder es taucht plötzlich ein neuer Konkurrent auf. So mussten sie sich sehr flexibel anpassen können.

In dieser Zeit wĂ€re es einem Schuhmacher nie in den Sinn gekommen, eine grosse Menge von Schuhen vorzuproduzieren. Denn in einem lokalen Markt kann man nicht davon ausgehen, dass man genĂŒgend KĂ€ufer findet. Der Schuhmacher wartete also, bis ein Kunde in den Laden kam, mass den Fuss und stellte erst dann den Schuh her. Weil es nur wenig zahlungswillige Kunden gab, musste er stĂ€ndig schauen, dass er besser war als die Konkurrenten in der Umgebung. Kundenorientierung, Innovation und FlexibilitĂ€t waren entscheidend.

Schuhmacher und seine Söhne im Jahr 1870.
Schuhmacher und seine Söhne im Jahr 1870.

Wie sah Bildung in der Zeit der Manufaktur aus? Die Kinder waren vor allem gĂŒnstige ArbeitskrĂ€fte. Sie lernten durch Beobachten und Nachmachen. Eine allgemeine Schulbildung kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Langsam verbreitete sich aber der Gedanke, dass eine breite Bildung des ganzen Volkes von Vorteil wĂ€re.

Taylorismus und die Entstehung der Schule

Um 1900 kamen Transportmöglichkeiten wie Eisenbahn und Dampfschiff dazu. Dadurch wurden die MĂ€rkte viel grösser und so machte es plötzlich Sinn, billige MassengĂŒter zu produzieren. Die Kundenorientierung und FlexibilitĂ€t der Manufakturen war jetzt nutzlos. Man wusste, dass man schon einen KĂ€ufer finden wĂŒrde, wenn man nur gĂŒnstig genug produzieren konnte. Frederick Taylor entwickelte dafĂŒr ein Konzept, wie man die ProduktivitĂ€t der Arbeitsprozesse steigern kann, den sogenannten Taylorismus.

Ab jetzt gab es ein Management, das den optimalen Arbeitsablauf austĂŒftelte und vorschrieb. So brauchte es nur noch eine Menge Arbeiter, die die aufgeschriebenen Prozesse genau abarbeiteten.

«Das VerblĂŒffende und Geniale an Taylors Idee war, dass bei trĂ€gen MassenmĂ€rkten die ProduktivitĂ€t steigt, wenn menschliche FĂ€higkeiten wie Intelligenz, Phantasie und Initiative stillgelegt wurden.»
Denkwerkzeuge der Höchstleister von Wohland/Wiemeyer

Um beim Beispiel der Schuhe zu bleiben: Es entstehen Schuhfabriken mit standardisierter Massenproduktion. Alle Anbieter finden immer wieder leere Stellen auf der Welt, wo sie ihre gĂŒnstigen Produkte hinbringen können. Das heisst, die Dynamik im Markt ist tief. So kann man auf Jahre hinaus planen und immer grössere Schuhfabriken bauen. Der kleine Schuhmacher kann nicht mithalten und schliesst sein GeschĂ€ft.

Kinderarbeit in einer Textilfabrik (USA, 1909).
Kinderarbeit in einer Textilfabrik (USA, 1909).

Viele Kinder arbeiteten zu dieser Zeit entweder in der Textilindustrie, in Kohlegruben oder Bergwerken und das zwischen 10 und 16 Stunden tĂ€glich. Man erkannte, dass die schwere körperliche Arbeit fĂŒr Kinder schlecht fĂŒr ihre Entwicklung ist. Also hat man Schrittweise die Kinderarbeit verboten.

Nun entstanden öffentliche Schulen und die allgemeine Schulpflicht. Die Schulen sind geprĂ€gt von der damaligen Arbeitswelt. Die GebĂ€ude Ă€hneln einer Fabrik. Die SchĂŒler werden eingeschult nach Jahrgang, in Gruppen aufgeteilt und nach einem vordefiniertem Ablauf mit Wissen versorgt. Dies garantiert Effizienz und gleichbleibende QualitĂ€t.

So lernen die SchĂŒler nicht nur den vorgeschriebenen Stoff, sondern vor allem, wie man sich in einer tayloristischen Arbeitswelt zu verhalten hat. Damit sind sie bestens vorbereitet auf die damalige Gesellschaft. Ausserdem hat die Schule eine Sortierfunktion (Selektion): die tĂŒchtigen SchĂŒler werden ausgewĂ€hlt fĂŒr die wissenschaftlichen Arbeiten des Managements im Taylorismus. Alle anderen werden dazu erzogen, Anweisungen möglichst zuverlĂ€ssig zu erfĂŒllen.

Der Taylorismus war eine riesige Erfolgsgeschichte. Die ProduktivitĂ€t wurde auf das Hundertfache gesteigert. Und die Schulen waren bestimmt der bessere Ort, um die Kindheit zu verbringen, als das Bergwerk. Es wĂ€re aber eine Illusion zu glauben, die Schule wĂ€re eingefĂŒhrt worden, um das Potenzial der Kinder zur Entfaltung zu bringen. Wie im Zitat oben von Wohland/Wiemeyer deutlich wird, war ja gerade die Idee des Taylorismus, dass «menschliche FĂ€higkeiten wie Intelligenz, Phantasie und Initiative» stillgelegt werden mussten, damit die Massenproduktion effizient funktionierte.

Post-Taylorismus

Seit 1980 gerĂ€t das tayloristische System zunehmend ins Wanken. Die Produkte erreichen alle Ecken der Erde und durch die Digitalisierung sind Informationen ĂŒberall verfĂŒgbar. Der globale Markt ist voll. Das heisst, dass man mit einem Produkt sofort Konkurrenz hat auf der ganzen Welt. Alles ist miteinander vernetzt. Wenn irgendwo jemand eine gute Idee hat, wenn eine Krise auftritt oder sonst etwas passiert, so beeinflusst das alle anderen.

Die KomplexitĂ€t der global vernetzten MĂ€rkte erfordert wieder eine hohe Dynamik. Dies ist vergleichbar mit dem Zeitalter der Manufaktur. Es ist wieder von Vorteil, wenn man flexibel ist und auf einzelne KundenbedĂŒrfnisse eingehen kann.

Wenn man heute in der Schuhmacher-Branche schaut, findet man Anbieter, welche persönliche Beratung anbieten, den Fuss mit einem 3D-Scanner vermessen und dann den perfekt passenden Schuh in einer halbautomatisierten Fertigung herstellen. Solche Anbieter können besser auf KundenbedĂŒrfnisse eingehen und reagieren flexibel auf Änderungen im Markt. Sie sind immer noch in der Minderheit, erzeugen aber einen Marktdruck. Je höher die Dynamik im Markt wird, desto schwieriger wird es fĂŒr tayloristische Unternehmen.

Was heisst das fĂŒr die Schule?

Raus aus der Taylorwanne!

Es ist lÀngst kein Geheimnis mehr, dass die Schule so, wie sie vor rund 150 Jahren entstand, heute nicht mehr passt. Es wurde viel unternommen, um Schule zu verÀndern. Allerdings ist es schon ein sehr weiter Weg von einer tayloristischen Schule, die «Phantasie und Initiative» bestraft, zu einer Schule, die den Menschen ins Zentrum stellt, damit er seine Potenziale entfalten kann.

Das Bildungsziel des Lehrplan21 lÀsst eigentlich hoffen:

Bildung ist ein offener, lebenslanger und aktiv gestalteter Entwicklungsprozess des Menschen.

Bildung ermöglicht dem Einzelnen, seine Potenziale in geistiger, kultureller und lebenspraktischer Hinsicht zu erkunden, sie zu entfalten und ĂŒber die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt eine eigene IdentitĂ€t zu entwickeln. […]

Doch wenn man heute in eine Schule geht, so merkt man leider recht wenig davon. Vieles erinnert noch immer an die Schule von damals.

Schulzimmer damals und heute. Finde den Unterschied! (Originalbild von Daniel SchĂŒttlöffel, bearbeitet von Marco Jakob)
Schulzimmer damals und heute. Finde den Unterschied! (Originalbild von Daniel SchĂŒttlöffel, bearbeitet von Marco Jakob)

Um die Schule herum ist die Welt dynamischer geworden. Wenn die Schule nicht aufsteht aus ihrem warmen Bad in der Taylorwanne, so wird sie immer mehr unter Druck kommen und schliesslich in Bedeutungslosigkeit ertrinken.

Eine mögliche Lösung versteckt sich im lateinische Wort «educere». Es bedeutet «herausfĂŒhren». Wir sollten die Tore der Schule öffnen und das Lernen herausfĂŒhren in die Gesellschaft. Dabei könnten wir Elemente aus dem Zeitalter der Manufaktur einbauen, weil dort eben auch eine hohe Dynamik war und mitten in der Gesellschaft gelernt wurde.

Wie eine Organisations- und FĂŒhrungsstruktur aussehen könnte, die mit höherer Dynamik umgehen kann und nah an der Gesellschaft dran bleibt, habe ich im Artikel ĂŒber Schule in einer VUCA-Welt beschrieben. Wir sollten bei allen neuen Ideen natĂŒrlich nicht vergessen, was wir in den letzten hundert Jahren gelernt haben ĂŒber Menschen und unter welchen UmstĂ€nden sich Kinder gut entwickeln können.

Ich freue mich, denn es könnte richtig genial werden! In der Zeit des Taylorismus waren Maschinen und standardisierte Prozesse im Vorteil. In Zeiten hoher Dynamik braucht es uns wieder als Menschen - als Problemlöser im vollen kreativen Potenzial und als aktive Gestalter in der Gesellschaft.


Bildquellen: Schuhmacher von Carl Porttmann (Lizenzfrei), Kinderarbeit von Lewis Hine (Lizenzfrei), Schulzimmer von Daniel SchĂŒttlöffel (bearbeitet von mir)