Lernunternehmen

Im Colearning Bern haben wir ein Lernunternehmen gegründet.

Unser Team besteht aus rund zehn Personen im Alter von 12 bis 72 Jahren. Mitten in der Stadt bauen wir zusammen eine Pilzfarm. Wir wollen Edelpilze auf Sägemehl und hauseigenem Kaffeesatz wachsen lassen. So werden Abfallprodukte zum Rohstoff für hochwertige Nahrungsmittel.

Ein Lernunternehmen entsteht, wenn man Arbeit, Lernen, unterschiedliche Generationen und Talente in einen Topf gibt, kräftig rührt und mit Mut und Entdeckerfreude würzt.

Was ein Lernunternehmen genau ist und warum es ganz viele in dieser Welt braucht, davon handelt dieser Blogeintrag.

Teilen und herrschen mit Nebeneffekten

Die letzten zwei Jahrhunderte haben wir uns als Menschheit darin geübt, die Welt in monofunktionale Einheiten zu zerstückeln. Anstatt dass ein Arbeiter ein Produkt von A bis Z fertigt, wird die Produktion in kleine Arbeitsschritte aufgeteilt. Das hat uns ermöglicht, effizienter zu produzieren und viel kompliziertere Dinge herzustellen. Man könnte es mit dem Prinzip von “teile und herrsche” beschreiben. Je kleiner die Einheiten, desto eher haben wir das Gefühl, dass wir etwas unter unsere Kontrolle bringen können.

Es entstanden Hierarchieebenen, Abteilungen und Spezialisten. Doch das Aufteilen blieb nicht bei der Wirtschaft. Denn wenn der Mensch ein Prinzip entdeckt, das zu funktionieren scheint, wendet er es möglichst überall an. So haben wir auch unsere Lebenszeit aufgeteilt in drei Phasen: Lernphase, Arbeitsphase und schliesslich Ruhestand. Das Lernen wurde ausserdem an eine spezielle Institution, die Schule, ausgelagert und so von der Arbeit und vom übrigen Leben isoliert.

Das Prinzip des Aufteilens hatte seinen Siegeszug im letzten Jahrhundert. Zunehmend werden wir uns aber als Gesellschaft der unerwünschten Nebeneffekte bewusst: Kinder und Jugendliche verbringen einen Grossteil ihrer Zeit in Schulzimmern und sitzen neben Gleichaltrigen. Die Unterstützung und Inspiration durch unterschiedliche Altersstufen und Generationen geht verloren. Zudem sind Kinder und Jugendliche komplett ausgeschlossen von der Arbeitswelt der Erwachsenen. Sie sehen praktisch nie eine erwachsene Person beim Arbeiten. Das ist sehr schade, weil man genau dadurch sehr viel lernen würde. Ist die Schulzeit vorbei, gibt es einen krassen Wechsel in die Lebensphase des Arbeitens. Einmal “ausgelernt”, schliessen viele innerlich ab mit dem Lernen.

Zusammenführen als Lernunternehmen

Mit dem Colearning sind wir auf einer Mission, um getrennte Bereiche in der Gesellschaft zusammenzuführen:

«Wir bringen die Arbeits- und die Lernwelt zusammen. Wir schaffen einen Raum, in dem sich Menschen jeden Alters in sinnvoller Arbeit und neugierigem Lernen begegnen.»

Deshalb haben wir die Idee von Lernunternehmen entwickelt.

Erste Ideen zu Lernunternehmen und Pilzfarm (danke Fredi für die Skizze)
Erste Ideen zu Lernunternehmen und Pilzfarm (danke Fredi für die Skizze)

Lernunternehmen sind anders

  • Anstatt in einer Schule ist ein Lernunternehmen draussen inmitten der Arbeitswelt der Erwachsenen. Coworking Spaces eignen sich besonders gut (bei uns ist es der Effinger), aber auch andere Orte, wo gearbeitet wird, sind möglich.
  • Anstatt fiktive Aufgaben zu lösen, wird an realen Projekten gearbeitet. Mit dem Lernunternehmen wird ein echter Wert und damit ein Beitrag für die Gesellschaft geschaffen.
  • Anstatt Gruppenarbeiten mit Gleichaltrigen werden alle Altersstufen und Generationen zu gemischten Teams.
  • Anstatt dass die Aufgabe von einer Lehrperson gestellt wird, gibt sich das Mehrgenerationen-Team seine Aufgabe selbst.
  • Anstatt dass Erwachsene nur den Rahmen schaffen, packen sie selbst mit an. Erwachsene bringen ihre Talente und Leidenschaften ein und lassen sich von anderen beim Arbeiten und beim Lernen beobachten.
  • Irrtümer, Misserfolge und Konflikte sind wichtig für das Lernen. Ein komplettes Scheitern ist nur möglich, wenn man es nicht versucht.
  • Der Lernprozess wird sichtbar gemacht und Produkte fliessen in ein reichhaltiges Portfolio. Prüfungen und Noten braucht es nicht. Die Teammitglieder können bezeugen, dass man etwas kann; sie werden zum persönlichen und lebendigen Zeugnis.
  • Anstatt nur von den 4-Ks (Kollaboration, Kommunikation, kritisches Denken, kreative Problemlösung) zu sprechen, werden diese Kompetenzen effektiv trainiert. Lebenslanges Lernen wird zur Selbstverständlichkeit.

Doppelter Gewinn

Bei einem Lernunternehmen gibt es einen doppelten Gewinn:

  • Unternehmerischer Gewinn: Ein echtes Unternehmen schafft immer einen Wert für andere. Werte können Produkte oder Dienstleistungen sein. Diese werden entweder verkauft, getauscht oder verschenkt. So entsteht ein unternehmerischer Gewinn.
  • Lerngewinn: Gleichzeitig geht es um das Lernen. Alle Beteiligten verstehen sich als Lernende, machen Schritte, die sie noch nie vorher gemacht haben und lernen voneinander. Das eigene Lernen wird reflektiert und für andere sichtbar gemacht (wir nutzen dafür Lernblogs).

Unsere Pilzfarm

Wir sind seit einigen Wochen unterwegs mit der Pilzfarm, unserem ersten Lernunternehmen. Wir stehen noch am Anfang und doch ist schon enorm viel gearbeitet und gelernt worden: Wir haben recherchiert, mit Pilzboxen experimentiert, uns gemeinsam gefreut und erste Rückschläge erlebt, das Klima im Keller gemessen, die Coworking Community informiert, Anfragen für die Kellernutzung an unsere Vermieter gestartet, uns mit Pilzzuchtexperten vernetzt, Exkursionen geplant, Meetings geleitet, Entscheidungsstrukturen etabliert, unsere Arbeitsweise organisiert, Zeitraffer erstellt, Social Media hochgefahren, eine Website entworfen, Blogartikel über Lernprozesse geschrieben und noch ganz viel mehr.

Der Lerngewinn ist bereits jetzt so gross, dass ein Scheitern schon ausgeschlossen ist. Das Vorhaben ist eine Herausforderung für uns alle. Wir wollen es unbedingt schaffen, unsere eigenen Pilze zu produzieren und an die Leute zu bringen. Ansonsten wären wir natürlich enttäuscht.

Wenn du wissen willst, wie sich die Pilzfarm und unsere Lernunternehmen weiterentwickeln, so folgst du am besten @pilzfarm_effinger auf Instagram und abonnierst den Newsletter von Colearning Bern.

Auf Wanderschaft entstehen Ideen wie die des Lernunternehmens. Fredi hat im Sommer 2021 ganz Deutschland durchquert. Ich habe ihn von Basel bis Freiburg begleitet.
Auf Wanderschaft entstehen Ideen wie die des Lernunternehmens. Fredi hat im Sommer 2021 ganz Deutschland durchquert. Ich habe ihn von Basel bis Freiburg begleitet.