Ich will als Lehrer mehr lernen als die Schüler

Diese Woche war ich für das Colearning im Effinger. Die zwei Colearner Nando und Jonathan waren da. Ich habe mich mit ihnen unterhalten über das Leben, das Arbeiten und das Lernen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich an diesem Vormittag vor allem von ihnen gelernt habe und nicht umgekehrt.

Wie schreibt man ein Buch?

Zuerst habe ich von Jonathan erfahren, wie er seinen Blog über sein Buchprojekt führt und welche Entdeckungen er dabei macht. Ich wollte zusammen mit ihm einen Ablauf testen für das Mentoring und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, selber mit ein paar Leitfragen Mentorings mit einem jüngeren Colearner durchzuführen. Er war noch nicht sicher, ob er sich das zutrauen würde. Sein Feedback und seine Reaktionen waren sehr wertvoll für mich. Er hatte dann nur noch eine kleine technische Frage zum Hochladen der Bilder auf seinen Blog. Sonst brauchte er meine Hilfe nicht und war dann wohl froh, dass ich ihn in Ruhe liess, damit er an seinem Buch weiterschreiben konnte.

Wie geht Mathematik mit Flüssigkeiten?

Nando hatte angekündigt, dass er an Mathematik arbeiten und dabei vielleicht meine Hilfe benötigen würde. Ich sagte ihm, dass ich Mathematik mag aber überhaupt nicht mehr auf dem neusten Stand bin. Er müsse mir zuerst erklären, welche Aufgaben man heute in der siebten Klasse überhaupt bearbeitet. Erst dann könnten wir zusammen nach Lösungen suchen. Ich ging also zu ihm hin und er führte mich ein in Aufgaben, bei denen unterschiedliche Gefässe mit Flüssigkeiten gefüllt werden und man den Füllstand in einem Diagramm eintragen muss. Solche Aufgaben kannte ich vorher nicht.

Nach dieser Einführung durch Nando wäre ich dann soweit parat gewesen, dass ich hätte helfen können. Nur brauchte er meine Hilfe gar nicht. Ich überlegte kurz, ob ich denn jetzt schauen sollte, ob auch wirklich alle Aufgaben von ihm korrekt gelöst sind. Ist so eine Angewohnheit als Lehrer, die ich mir abtrainieren sollte. Dazu lege ich mir gleich einen Satz zurecht:

Besser als 100% richtig sind 50% richtig und Lust auf mehr.

(Und wer sagt schon, was richtig ist…)

Etwas später haben wir uns dann eine eigene Aufgabe gestellt (siehe Bild oben), einfach um zu schauen, ob wir so was gemeinsam lösen könnten.

Lehren oder lernen?

Wenn ich heute über diese Begegnungen nachdenke, scheint mir, dass die Rollen von dem, der lernt und dem der lehrt plötzlich nicht mehr so klar sind.

Eigentlich ist mein Beruf als Lehrer schon komisch: Ich soll die Person sein, die allen erzählt, wie man lernt, ohne selber vorzuleben, wie man lernt. Und ich soll allen erklären, wie die Welt funktioniert, ohne selbst in der Welt aktiv zu sein.

Mir kommen im Moment nur Lehrer, Pastoren und Berater in den Sinn, wo das so ist, dass sie vor allem erzählen, wie man tun soll, aber es wird nicht erwartet, dass sie es selber auch tun. Bei allen anderen Berufen ist es anders: Ein Schreiner arbeitet mit Holz. Man kann ihm dabei zuschauen, davon lernen und es nachmachen.

Wie wäre es, wenn Lehrer nicht mehr lehren, sondern lernen und andere bei ihrem Lernen zuschauen lassen, damit sie es nachmachen können? Sie wären dann professionelle Lerner und aktive Weltgestalter. Das wäre mein Traumberuf!

Im Colearning versuchen wir das umzusetzen, indem wir die Erwachsenen auch als Colearner bezeichnen - es klappt aber noch nicht optimal. Und wir versuchen an meiner Schule unser eigenes Lernen auch als Erwachsene in Lernblogs wie diesem sichtbar zu machen. Ich möchte den Traumberuf des “Lerners” aber noch stärker leben. Als Lehrer möchte ich die Person sein, die am meisten und voller Neugier lernt und sich dabei beobachten lässt.

Ja, ich lerne noch!