Geben und Empfangen

Bei den meisten Projekten taucht früher oder später die Ressourcen-Frage auf: Wer investiert wie viel und wer erhält wie viel? Sehr schnell dreht sich dann die Diskussion um den Tausch von Zeit gegen Geld. Die Reduktion auf diese zwei Grössen hinterlässt meist das Gefühl, dass wir nicht genug haben. Und weil dann noch viel zu selten offen über die Ressourcen-Frage gesprochen wird, baut sich bei vielen Projekten eine ungesunde Spannung auf.

Die Lösung wäre eigentlich nicht so schwierig: Es braucht regelmässige Gespräche darüber, was wir in ein Projekt geben und was wir wieder aus dem Projekt empfangen. Dabei sollte man darauf achten, das Geben und Empfangen nicht nur auf Zeit und Geld zu reduzieren sondern die Ressourcen umfassender anzuschauen. So wird der Reichtum sichtbar, der in gemeinsamen Projekten eigentlich da wäre.

Schatzhebung

In unserem aktuellen Colearning-Projekt haben wir eine Schatzkiste aufgestellt, in die wir immer wieder Zettel reinlegen mit Notizen von Dinge, die uns gefreut haben. So entsteht Wertschätzung für den Reichtum, dem wir im Alltag begegnen.

Dann führen wir regelmässige Treffen durch, bei denen wir die Schatzkiste hervor nehmen und einen Austausch führen über das Thema “Geben und Empfangen”. Es ist eine angeleitete Reflexion, damit alle ausdrücken können, was sie investiert haben an Ressourcen (z.B. Vertrauen, Zeit, Leidenschaft) und was sie aus dem Projekt empfangen haben (z.B. Freude, Erfahrung, Geld, Netzwerk, Freundschaften). Es geht darum, voneinander zu hören, ob das persönliche Gleichgewicht zwischen Geben und Empfangen stimmt.

Geld ist auch wichtig. Es ist aber nur eine von vielen Ressourcen, die jemand aus einem Projekt empfängt. Geld dient einerseits dazu, den persönlichen Bedarf zu decken und andererseits, um die Spannung zu entladen, die sonst bei einem Ungleichgewicht von Geben und Empfangen mit der Zeit entstehen kann.

Kürzlich hat unser erstes Schatzhebungs-Treffen stattgefunden mit den Colearning-Eltern und den Lernmoderator*innen. Damit alle von uns am Austausch teilnehmen konnten, haben wir Daniel Sigrist als externen Moderator eingeladen. Er hat etliches an Erfahrung in diesem Bereich und hat uns wunderbar angeleitet. Hier ist der Ablauf eines solchen Schatzhebungs-Treffens:


Ablauf Schatzhebung

1. Check-In

Zuerst werden Ablauf und Dauer des Treffens festgelegt. Dann kann man entweder mit einer kurzen Einstiegsrunde starten oder einen generellen Austausch moderieren.

2. Kontext geben

Erklären, was wir tun und warum wir es auf diese Art tun. Da das Treffen erst im Nachhinein als Reflexion stattfindet, sollte man wissen, wie viel Geld verteilt werden kann. Die Schatzkiste wird dann zusammen mit dem verfügbaren Geldbetrag in die Mitte gelegt (wir verwenden dazu symbolisch Monopoly-Geld).

3. Reflexion

Bei der Reflexion ist jede Person für sich in Stille. Folgende Fragen werden eine nach der anderen in die Mitte gelegt. Wer möchte, kann sich Notizen machen.

  • Wenn du an den letzten Monat zurückdenkst, wie zufrieden bist du?
  • Was hast du in diesem Monat alles erhalten?
  • Was hast du in diesem Monat alles gegeben?
  • Wie stand das Geben und Empfangen für dich im Verhältnis zu deinen Erwartungen?
  • Was hast du besonders geschätzt?
  • Wie hätte es auch ganz anders kommen können?
  • Was wäre, wenn es das Projekt nicht geben würde?
  • Welchen Wert hat es für dich, dass es das Projekt gibt?
  • Lernmoderator*innen: Wie viel würdest du dir jetzt aus dem vorhandenen Geld geben?
  • Eltern: Möchtest du deinen Betrag anpassen oder so stehen lassen? Möchtest du noch etwas anderes beitragen?

4. Beiträge teilen, Beiträge finden

  • Erste Runde: jede Person teilt kurz: Was / wie viel hast du aufgeschrieben und warum?
  • Beträge zusammen rechnen.
  • Frage: Möchtest du etwas anpassen, nachdem du dies von den anderen gehört hast?
  • Zweite Runde: jede Person teilt kurz: Hast du noch etwas angepasst? Wenn ja, warum?
  • Reserve für dritte Runde oder kurz gemeinsames Entscheiden, was mit dem Rest passiert.

5. Schlussrunde

  • Wie hast du das Treffen erlebt? Was möchtest du noch sagen?
  • Evtl. noch: Neu gesammelte Schätze / Kostbarkeiten auf Karten schreiben und in Schatzkiste legen

Aus unserem Treffen

Obwohl wir nach Abzug der Fixkosten nur noch CHF 800 zu verteilen hatten, hat es gereicht. Wir hatten am Schluss sogar noch CHF 200 übrig. Es war sehr eindrücklich zu erleben, wie eine Person nach der anderen ausgedrückt hat, wie beschenkt sie sich fühlt. Auch wenn zum Teil unzählige Stunden investiert wurden, konnten sie sagen, dass sie sich in einem guten Gleichgewicht befinden bei diesem Projekt.

Einige haben gesagt, sie würden gerne mehr Geld für ihren Colearning-Platz bezahlen, was aber je nach Familiensituation aktuell nicht möglich ist. Der ganze Austausch hat aber dazu geführt, dass alle mithelfen, um entweder weitere Geldquellen zu suchen oder um mitzuhelfen, den Arbeitsaufwand zu reduzieren.

Wir werden das Treffen regelmässig in ähnlicher Form durchführen. Wir werden aber einen Zielwert von CHF 100 pro Halbtag für die Lernmoderation festlegen. Damit haben die Lernmoderator*innen eine gewisse Planungssicherheit in ihrer aktuellen Arbeits- und Lebenssituation und wir haben als Colearning eine Zielgrösse für die Finanzen. So wissen wir, dass wir aktuell noch rund CHF 800 pro Monat zusätzlich auftreiben müssen. Dafür werden wir in erster Linie Firmen anfragen, welche in die junge Generation investieren und Colearning-Halbtage sponsern möchten (bei Interesse gerne bei mir melden).

Generell war der Austausch mit den Eltern und Lernmoderator*innen sehr bereichernd und berührend. Alle haben wertvolles Feedback gegeben und ihre Wertschätzung ausgedrückt für das gegenseitige Vertrauen und die geleistete Arbeit. Die Eltern haben stark betont, welche positiven Auswirkungen das Colearning schon auf ihre Jugendlichen hatte in dieser doch noch recht kurzen Zeit. Das hat mich besonders gefreut.

Fazit

Ich bin sehr begeistert, was mit einem ganzheitlicheren Verständnis und einem Dialog über “Geben und Empfangen” möglich wird. Jemand in der Runde hat es so ausgedrückt:

Wenn man nur die Zahlen betrachtet, dürfte dieses Projekt nicht funktionieren. Und doch geht es und erst noch viel besser, als wir erwartet hätten.

Die Verlockung ist gross, sich trotzdem sorgen zu machen über die Zukunft: heute hat es zwar noch funktioniert, aber was ist in den nächsten Monaten?

Da hilft es, unsere Arbeitsweise in Erinnerung zu rufen:

Wir freuen uns über das, was wir heute alles ermöglichen können. Wir lösen die Probleme der Zukunft erst dann, wenn wir sie auch wirklich haben. Dabei vertrauen wir auf die unzähligen Möglichkeiten und Ressourcen, die wir gemeinsam als Community zur Verfügung haben.


Fotos und Überblick über die Finanzen hat Thomas Bucher